Cerealien enthalten viel zu viel Zucker (FR vom 03.04.2020)

vonPamela Dörhöfer

99 Prozent der Produkte für Kinder entsprechen nicht der Norm der WHO.

Cornflakes und Müslis in allen Variationen sind als Frühstück bei Kindern und Erwachsenen gleichermaßen beliebt. Noch dazu geht mit dem Genuss das wohlige Gefühl einher, etwas Gesundes zu sich nehmen, anders als beim schnöden Toast mit Marmelade. Doch der Schein trügt: Tatsächlich enthalten Frühstückscerealien in Deutschland viel zu viel Zucker, wie eine repräsentative Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GIK) im Auftrag des Bundesverbandes der Krankenkasse AOK ergeben hat. Demnach überschreiten 73 Prozent aller in Deutschland gekauften Müslis, Cornflakes und ähnlicher Produkte die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO. Diese besagen, dass in 100 Gramm nicht mehr als 15 Gramm Zucker enthalten sein sollten. Bei den Frühstückscerealien, die sich gezielt an Kinder richten, liegen laut der Studie sogar 99 Prozent der gekauften Produkte über diesem Richtwert. Für ihre Studie hatten die Forscher das Kaufverhalten von 30 000 Haushalten untersucht und den Zuckergehalt von mehr als 1400 Produkten ausgewertet.

Spitzenreiter mit 43 Gramm Zucker pro 100 Gramm – das ist fast die Hälfte…. – sind „Kellog’s Smacks“, Platz zwei und drei belegen mit jeweils 39 Gramm Zucker die „Knusperone Honey Wheat Cornflakes“ von Aldi und „Golden Breakfast Honey Wheat“ von Norma. Aber auch besonders gesund anmutende Produkte wie das glutenfreie „Breitenbacher Müsli“ bringen es auf stattliche 33 Gramm Zucker, Positive Schlusslichter sind das „Rosengarten Bio Beeren Müsli“ mit lediglich 0,2 Gramm Zucker sowie die ungesüßten „Bio Cornflakes“ von DM und die „Energbio Cornflakes“ von Rossmann mit jeweils 0,3 Gramm Zucker.

Ein weiteres Ergebnis der Studie ist, dass Werbung und Aufmachung der Kindercerealien ihr Ziel offenbar erreichen: In Familien mit Kindern machten diese besonders stark überzuckerten Produkte 39 Prozent der gekauften Cornflakes und Müslis aus – doppelt so viel wie in Haushalten ohne Kinder. Auch Einkommen und Bildung nehmen laut der Studie Einfluss auf das Konsumverhalten: „Je niedriger der soziale Status, desto häufiger kaufen die jeweiligen Haushalte süße Cerealien“, heißt es.

Sigrid Peter, Vize-Präsidentin des Berufsverbandes für Kinder- und Jugendärzte, warnt vor den Folgen: „Die Zunahme von Übergewicht und Adipositas wird sich weiter beschleunigen, insbesondere in der Gruppe von Kindern und Jugendlichen, die in bildungsferneren und finanzschwächeren Familien aufwachsen.“ Sie sieht angesichts der Studienergebnisse „raschen Handlungsbedarf“: „Wir müssen den Zuckergehalt in Fertigprodukten, Softdrinks und Frühstückscerealien dringend reduzieren, um die jüngere Generation vor Adipositas und anderen ernährungsbedingten Krankheiten zu schützen.“ Ziel müsse es sein, dass die geschmacklichen Präferenzen „süß“ sich nicht an Zucker und Zuckerersatzstoffen festmachten. Sigrid Peter ist überzeugt, dass sich das Geschmacksempfinden auf „weniger süß“ umstellen lässt.

Und damit kann man gar nicht früh genug anfangen: Bereits im Mutterleib werden individuelle Vorlieben geprägt, der Geschmackssinn ist schon ab der 25. Woche voll ausgeprägt. Bereits ein Neugeborenes liebt es süß, was auch evolutionär begründet ist: Süßes war meist nicht giftig. „Das Prägen des Geschmacksinns ist ein lebenslang andauernder Lernprozess“, erläutert Sigrid Peter.

Auch wenn es schmeckt: Zu viel Zucker führt zu Übergewicht und Karies. Nach Berechnungen der Universität Hamburg belaufen sich die Folgekosten von Adipositas in Deutschland auf jährlich 63 Milliarden Euro, die Kosten für Karies liegen in Deutschland bei rund 8,4 Milliarden Euro jährlich.

Auch Kai Kolpatzik, Abteilungsleiter Prävention im AOK-Bundesverband fordert Konsequenzen aus den Studienergebnissen: „Vor diesem Hintergrund erscheinen die mit der Lebensmittelindustrie im Rahmen der Nationalen Reduktionsstrategie vereinbarten Ziele geradezu skandalös.“ Kolpatzik erwartet deshalb „klare Kurskorrekturen“: „Was wir brauchen, sind wirksamere und vor allem verpflichtende Reduktionsziele, die nicht erst in fünf Jahren umgesetzt werden.“

Derzeit sehen etwa die mit dem Verband der Getreide-, Mühlen und Stärkewirtschaft (VGMS) getroffenen Vereinbarungen lediglich eine Reduzierung des Zuckergehalts um zu 25 Prozent bis zum Jahr 2025 vor – und das auch nur bei speziell für Kinder beworbenen Waren. „Einzelne Lobbyverbände berechneten die Reduktionsziele sogar rückwirkend“, sagt Kolpatzik. So gebe der VGMS an, die Umsetzung ab 2012 über einen Zeitraum von 13 Jahren zu berücksichtigen. Der AOK-Präventionsexperte bezeichnet das als „Zuckerreduktion in homöopathischer Dosierung“ und konstatiert: „Das kann man auch gleich bleiben lassen.“

Kolpatzik fordert stattdessen, die Produzenten der Frühstückscerealien entsprechend der WHO-Empfehlung zu einer schrittweisen Reduzierung auf 15 Gramm Zucker pro 100 Gramm zu verpflichten, nicht allein für Kinderprodukte, sondern für das gesamte Sortiment. Auch die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) setzt sich für „verbindliche Maßnahmen ein. „Der Bericht zeigt, dass der freiwillige Ansatz nicht funktioniert“, heißt es in einer Mitteilung. Neben der Reduktion von Zucker sieht die Fachgesellschaft auch eine höhere Besteuerung überzuckerter Produkte und ein Verbot von Werbung, die sich an Kinder richtet, als notwendig an.

Mediziner fordern seit längerem bereits ein Verbot des Kindermarketings für ungesunde Lebensmittel: „Solange die Unternehmen mit Comicfiguren auf oder mit Goodies in den Verpackungen sowie im TV und Internet werben dürfen“, sagt Kai Kolpatzik, „werden Familien ungesunden Produkten auch zukünftig nicht widerstehen können.“

Die Cerealienstudie mit allen Ergebnissen gibt es unter https://www.aok-bv.de/engagment/wenigerzucker/

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