Immer wieder freitags, lautet die Formel

Klaus Staeck

vonKlaus Staeck

Ist es ein Widerspruch, wenn Zeitungen über die Formel 1 und gleichzeitig über Demos von Schülerinnen und Schüler für eine saubere Umwelt berichten? Die Kolumne in der FR.

Wer sich wie ich immer noch im Papierzeitalter zu Hause fühlt, gibt sich nicht nur mit einer Zeitung zufrieden. Deshalb kaufe ich von Zeit zu Zeit gleich verschiedene, auch um vergleichen zu können, was die jeweils anderen so schreiben. Letztes Wochenende war wieder einmal so ein Tag. Vor einer längeren Bahnfahrt Berlin-Heidelberg deckte ich mich bei meinem türkischen Zeitschriftenhändler breit ein.

Im Zentrum der Berichte standen die weltweiten Freitagsdemonstrationen der Schülerinnen und Schüler für eine saubere Umwelt. Das alles ohne Häme. Neben dem allgemeinen Wohlwollen für die Ziele der Jugendlichen fielen selbst die Ermahnungen in Richtung Verletzung der Schulpflicht weitgehend moderat aus. Ob diese verständige Einschätzung die nächsten Freitage überlebt, sollten die Protestierer weiter auf die Straßen gehen, ist fraglich.

Die letzte Berliner „Fridays for Future“-Demo habe ich in der Luisenstraße, Höhe Charité, Richtung Invalidenstraße selbst erlebt. Fleißig fotografierend war ich fasziniert von all den fantasievollen Transparenten Marke Eigenbau. Alles bestimmt von der Erkenntnis: Ihr zerstört unsere Zukunft – Wir nehmen das nicht mehr hin.

Die Kids werden wir so schnell nicht los

1969 habe ich meine ersten Umwelt-Plakate öffentlich gemacht. Alles in der Hoffnung, dazu beizutragen, dass die Menschen nicht weiter mutwillig ihre eigenen Lebensgrundlagen zerstören. Deshalb habe ich mich über diesen neuen Aufbruch gefreut. So wurde wenigstens erst einmal meine schleichende Frustration gestoppt. Denn so schnell werden wir diese Kids und ihre Unterstützer auch im Rest der Woche nicht mehr los.

Immerhin haben sich die Protestierer nicht nur mit einem der übermächtigen Gegner angelegt, die wie eh und je auf ein uneingeschränktes „Weiter So“ abonniert sind. Oft gleichzeitig nachzulesen in denselben Zeitungen, nur ein paar Seiten später, im Ressort Sport. Dort wurde die neue internationale Rennsaison meist ebenso üppig gefeiert wie die neue Umweltbewegung. Nicht nur die überregionalen Blätter schenkten den Formel-1-Fahrern Vettel, Leclerc und Hamilton ganze Seiten ihres kostbaren Platzes.

Ich weiß nicht, ob es in all den Formel-1-Austragungsorten vergleichbare Protestaktionen der Jugendlichen gibt. Jedenfalls wären sie angebracht in Melbourne, Bahrain, Shanghai, Baku, Barcelona, Le Castellet, Monte Carlo, Montreal, Spielberg, Silverstone, Budapest, Spa, Monza, Singapur, Sotschi, Suzuka, Mexico-Stadt, Austin, Sao Paulo und Abu Dhabi, nicht zu vergessen der Hockenheim-Ring. Denn dieses ewige Im-Kreis-Fahren ist und bleibt eine der sinnlosesten Energieverschwendungen bei knapper werdenden Ressourcen.

Formel 1: Grand Prix von Australien
Was hat die Formel 1 mit Umweltschutz zu tun? Genau, nichts.

Besonders stutzig machte mich die letzte Ausgabe des „Stern“. Auf Seite 63 wird dort „Der Zukunftspakt“ vorgestellt. Hier solidarisieren sich laut Wissenschaftsredaktion „Tausende Wissenschaftler, unter ihnen viele Prominente, mit den Klimaprotesten der Schüler“. Gleich anschließend auf Seite 64 wird dagegen seitenlang „Die Unzerstörbare“ vorgestellt. Gemeint ist eine 18-jährige Formel-3-Fahrerin, die 2018 in einen spektakulären Rennunfall verwickelt war und nun in die Formel 1 drängt.

Die Redaktionen sollten sich schon entscheiden zwischen den Umweltdemos und der allgemeinen Raserei. Sich für beides gleichzeitig zu erwärmen geht doch nicht. Oder bin ich da wieder zu altmodisch gepolt, weil ja schließlich über alles und jedes ebenso ausführlich berichtet werden muss?

(Frankfurter Rundschau vom 21.3.2019)

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